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Aktuelles
4.12.2010
Benehmen und Anstand - das ist hier die Frage
Benehmen und Anstand heute - so könnte man den Vortragsabend überschreiben, der vergangenen Donnerstag im Dorfgemeinschaftshaus Bodnegg stattfand. Eingeladen hatte das Bildungszentrum Bodnegg, unterstützt von der Fördergemeinschaft der Schule, von der Raiffeisenbank Vorallgäu Bodnegg und vom Gewerbe- und Handelsverein Bodnegg. Was alle Teilnehmer schon wussten, sollte nicht einfach erwähnt oder diskutiert werden. Es ging vor allem darum zu erfahren, wie sich die Verhaltensnormen in der heutigen Gesellschaft verändern - berechtigt oder zum Leidwesen derer, die sich noch zu benehmen wissen. Christiane Stalschus, Konrektorin am BZ Bodnegg, hatte den Abend und die Vortragenden organisiert: Einen flapsigen Einstieg wagte der Schauspieler Thommi Baake aus Hannover. Er hatte sich zu Beginn lustig gemacht über die Ergebnisse einer schulinternen Umfrage zu Benimmregeln.
Ernsthafter ging es dann aber bei Inge Wolff zu, die aus Bielefeld angereist war. Sie gilt als "Deutschlands bekannteste Expertin für moderne Umgangsformen". Gleichzeitig ist Inge Wolff Vorsitzende des "Arbeitskreises Umgangsformen International". Zunächst machte sie deutlich, dass sie nichts von dem Wort "Etikette" hält. Dieses Wort entstammt "alten Benimmformen" aus Zeiten, als die Frauen noch nicht berufstätig waren. Vieles aus dem "alten Gefüge" sei nicht mehr praktisch, "weil es nicht mehr passt".
Es geht Inge Wolf vielmehr darum: "Das Gefüge moderner Umgangsformen unterliegt einem steten Wandel - anders als früher. Der Wandel im Berufleben, in den Familien, in den Situationen des Alltags ist spürbar." Was aber ist dann die angebrachte Umgangsform? fragte die Anstandsfachfrau. Das Wertefundament müsse beachtet werden. Dabei verzichte sie gerne auf das Wort Respekt und ersetze es lieber mit "Wertschätzung". Den Mitmenschen Wertschätzung zu signalisieren bringe es mit sich, dass man selbst Wertschätzung erfahre, und sei es auch nur ein freundlicher Gruß im Vorübergehen. Wertschätzung habe im Übrigen nichts mit der Position eines Menschen oder mit seinem Geld-Status zu tun. Auch die Kleidung kann Ausdruck von Wertschätzung sein, sagte die ausgebildete Tanz- und Ausdruckstherapeutin. Außerdem: "Bleiben Höflichkeitsformen aus, macht das zumindest erstaunt", sagte Inge Wolff. Solche Dinge mache sie auch Schülern immer wieder bewusst, erzählte die Referentin von ihren Schulbesuchen. Kindern und Jugendlichen stelle sie deshalb ihr "Anti-Blamier-Programm" vor. Dabei verwirft sie klar und deutlich plakative Hohlsätze wie: "So etwas tut man nicht!" und die Aufforderung: "Benimm dich!" Das seien nicht nur altbackene sondern auch inhaltslose Formulierungen, bei denen Kinder im Grunde oft gar nicht wüssten, was sie tun sollen, was denn gemeint sei. Vielmehr gelte das Vorbild der Erwachsenen, insbesondere der Eltern. Besser sei es, an Stelle der Hohlphrasen Spielregeln zu vereinbaren, denn: "Spielregeln verstehen Kinder sofort!" Dass die Schule in Kindern soziale Fähigkeiten wecken muss, betonte die Referentin ausdrücklich. Hier gäbe es heute immer mehr Defizite, wie man häufig zum Beispiel allein beim Mittagessen in der Schulmensa beobachten könne. Hier zeigten Kinder sehr deutlich, was ihnen an korrekten Umgangsformen fehle. Die Referentin betonte: "Die gute Kinderstube gehört in die Kinderstube! Gute Umgangsformen funktionieren auf Gegenseitigkeit im Elternhaus."
In der Diskussion mit den zahlreich erschienenen Lehrern und Gästen aus der Gemeinde sowie dem Elternbeirat erklärte Inge Wolff, dass es sehr wohl einen Unterschied gäbe zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Letztere hätten zwar durchaus mehr Rechte, oft sei das ja automatisch geregelt. "Aber auch Jugendliche müssen Wertschätzung erfahren!" Bloßstellungen müssten im Schulalltag unbedingt vermieden werden. Sie signalisierten einen Mangel an Wertschätzung. Dabei beschrieb Inge Wolff ein Dilemma zwischen Schule und Elternhaus. Manchmal stimmten nämlich Spielregeln nicht überein. Hier müsste man sich dann einigen. Die Expertin empfahl: "Nichts ist falsch. Aber in der Schule gelten die Regeln der Schule, zu Hause die von zu Hause." Das sei also kein Freibrief für ungebührliches Verhalten in der Schule.
Am Freitag dann besuchte Inge Wolff das Bildungszentrum Bodnegg. Dort waren, nach Klassenstufen gegliedert, Gespräche zwischen Inge Wolff und den Lehrern angesetzt worden. Dabei sollte es vornehmlich um die Frage gehen, wie Lehrer auf das veränderte "Benimm-Verhalten" von Kinder und Jugendlichen reagieren könnten. Inge Wolff forderte die Lehrer auf, sich dieser Aufgabe weiterhin zu stellen und von den Schülern die Einhaltung von Spielregeln zu verlangen. Das betreffe stets auch so "einfache Regeln" wie das gegenseitige Grüßen und Begrüßen von Schülern und Lehrern, das Offenhalten von Türen oder das Unterlassen von Kaugummi Kauen, zumal sich das BZ Bodnegg als "kaugummifrei" bezeichnet. Dass gerade solche "einfachen Regeln" ein Problem sein können, sähe man oft bei Elternabenden oder Schulfeiern, wo es Erwachsene nicht schaffen, auf den Kaugummi zu verzichten. Wünschenswert sei, so merkte ein Kollege abschließend an, wenn Inge Wolff einmal für die Schüler Zeit hätte, um direkt mit Kindern und Jugendlichen als Außenstehende über "Benimmregeln" und deren "moderne Veränderungen" sowie ihre Gültigkeit zu sprechen.
Text und Fotos: (stb)