Bildungszentrum Bodnegg


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Weggesperrt

Aktuelles

"Weggesperrt" ist Prüfungsthema:

Schüler sind erschüttert über die Realität in der DDR.
Von Martin Stellberger (stb)

"Irgendwann kommt für jeden der Flashback - unvorbereitet! Ich brach nach 20 Jahren Verdrängung zusammen: Ich fuhr an einem Straßenschild vorbei mit der Aufschrift: Torgau"! Kerstin Kuzia spricht leise. Die Schüler der 10. Klassen am Bildungszentrum Bodnegg sitzen erschüttert im Raum. Was die 44 Jahre alte Berlinerin erzählt, passt nicht in ihre Welt. Sie kennen die DDR nur von Erzählungen. Kerstin Kuzia ist Opfer der DDR-Herrschaft und verbrachte Jahre in Erziehungs- und Durchgangsheimen, Jugendwerkhöfen und sechs Monate "in der Hölle": im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. "Mit 16 Jahren, ich war damals noch fast ein Kind, musste ich den Terror der Erzieher erleiden, die uns zu sozialistischen Persönlichkeiten erziehen sollten." Torgau heißt: "Isoliert von der Familie, ausgeliefert jedem Übergriff, ständig gedemütigt, misshandelt, missbraucht." Gebrochen an Leib und Seele leben heute noch Opfer und kämpfen mit dem Trauma aus jener Zeit.

Kerstin Kuzia reist seit Jahren durch Deutschland und berichtet über die von Margot Honecker als Ministerin direkt zu verantwortenden Jugendwerkhöfe. In Bodnegg war Kerstin Kuzia in Begleitung von Grit Poppe aus Potsdam, die in ihrem Buch "Weggesperrt" das Schicksal der 14-jährigen Anja in Torgau schildert. Zwar ist Anja eine "erfundene" Figur. Doch die Leiden sind genau recherchiert in vielen Gesprächen mit realen Opfern sowie beim Studium von Akten. Das Buch ist Prüfungsliteratur für die Realschüler. Es erzählt, wie die Insassen von Torgau, schlecht ernährt, mit übermäßigem Sport als Strafe für jede kleine "Verfehlung" gequält, immer im Laufschritt durch die Gebäude gehetzt, in tagelanger Einzel- und Dunkelhaft gebrochen wurden. Kollektivstrafe war an der Tagesordnung. Die Insassen hassten sich deshalb gegenseitig und nahmen nachts Rache am "Versager", der die Strafen auslöste.

Die Schüler wollten wissen: Gab es Selbstmorde? Mussten sich die Erzieher verantworten? Was war nach der Entlassung? Warum wurde Kerstin eingesperrt? Die Schüler waren fassungslos darüber, dass die 16-jährige Kerstin "als Organisator eines Massen-Ausbruchs aus einem Jugendwerkhof nach Torgau kam. Selbstmorde seien bisher fünf bekannt, andere von der Stasi vertuscht. Selbstverstümmelung sei oft die letzte Hoffnung gewesen, wenigstens ins Krankenhaus zu "entkommen." Die Erinnerungen an ihre Einlieferung treiben der Mutter zweier Söhne die Tränen in die Augen: "Ich stand, eigentlich noch ein kleines Mädchen, nackt vor dem Erzieher, einem fremden Mann. Dann die Leibesvisitation…" Bei den Jungen waren es Frauen, die derart agierten. Es ging um blanke Demütigung, Erniedrigung, ums Fertigmachen. Und nach der Haft? "Danach waren wir trotz Schule und Ausbildung nur Hilfsarbeiter. Entsprechende Hinweise in den Akten verhinderten, dass wir jemals etwas Gescheites lernen oder arbeiten durften." Erst mit der Wende gab es für manche Opfer die Chance, Versäumtes nachzuholen. Viele aber sind dermaßen traumatisiert und geschädigt, dass sie bis heute nicht voll arbeiten können. Das Schlimmste ist, so ergänzt Grit Poppe, dass viele Opfer keine Entschädigung bekommen. Sie müssten die Torturen bis ins Detail offen legen. Das schaffen viele nicht, denn sie lösen damit einen Erinnerungsschock aus, dem sie nicht gewachsen sind. Viele hätten ihre Torgauer Leiden bis heute nicht einmal

der Familie erzählt, auch nicht dem eigenen Ehemann oder Freunden. Die Täter seien im Zuge der Wende weitgehend straffrei geblieben. Ein ehemaliger "Erzieher" brüstet sich in einem Dokumentarfilm sogar noch damit, dass seine Methoden richtig gewesen seien. Selbst der Leiter von Torgau sei nicht bestraft worden, obwohl er mit Wissen der Stasi schwere sexuelle Übergriffe zu verantworten hatte. Und Margot Honecker lebt heute noch unbehelligt "ausgewandert" in Chile.

Schon während der Lesung schrieben Schüler einige Gedanken in das "Gästebuch", das Kerstin Kuzia mitgebracht hatte. Eine Mädchen schrieb zum Beispiel: "Es bewegt mich sehr, dass Sie heute so offen darüber sprechen können. Gott sei Dank hat Ihnen Torgau nicht ihre nette, freundliche Art zerstört." Ein anderer Eintrag macht deutlich, was die Schreiberin bewegt: "Vielen Dank für diese Eindrücke. Sie haben etwas geschafft, was ich selbst nie geschafft hätte." Gerne hätten die Zehntklässler noch länger mit Grit Poppe und Kerstin Kuzia im Dorfgemeinschaftshaus in Bodnegg gesprochen. Doch irgendwann ist auch der interessanteste Schulnachmittag zu Ende und die Busse warten nicht lange. Dennoch blieb Zeit, um die beiden Frauen zu bitten, in die Bücher der Schüler eine Widmung zu schreiben. Die Autorin und die Zeitzeugin zeigten sich sehr angetan darüber, dass die Schüler so großes Interesse an dem Geschehen in der DDR und am persönlichen Erleben der beiden Frauen hatten. Sie waren auch überrascht, als sie vor einiger Zeit davon erfuhren, dass ihr Thema Prüfungsstoff in Baden-Württemberg werden sollte und die Schüler bei der anstehenden Deutsch-Prüfung ein solch aktuelles Thema bearbeiten dürfen. Dafür wünschten sie den Bodnegger Schülern gutes Gelingen. Die Lesung von Grit Poppe und das Gespräch mit Kerstin Kuzia waren ein Teil der Vorbereitungen für die Deutsch-Prüfung der Realschüler am BZ Bodnegg. Margot Zimmer hatte die Veranstaltung zusammen mit der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg organisiert. Die Landzentrale hatte schon vor einigen Wochen ein "DDR-Seminar" für die Schüler abgehalten. Deshalb wurden auch die Kosten für die Lesung von der Landeszentrale übernommen.


Info-Kasten: Der "Geschlossene Jugendwerkhof Torgau" ist nach der Wende in eine Gedenkstätte umgewandelt worden. Im Internet erfährt man mehr darüber: www.jugendwerkhof-torgau.de. Kerstin Kuzia kann man kennen lernen unter www.kerstinkuzia.jimdo.com. Das Buch "Weggesperrt" von Grit Poppe ist bei Dressler erschienen und im Buchhandel zu bekommen

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